Eine kleine Betrachtung der Zeit- der Philosophie Henri Bergsons folgend.
I.
“Alles ist in Bewegung und nichts bleibt stehen.” – Heraklit (Nestle: Die Vorsokratiker)
Was ist Zeit? Ist die Zeit, so wie wir sie tagtäglich erleben, so wie wir über sie denken, auch in Wirklichkeit so aufgebaut? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, wird im nachfolgenden auf Spurensuche gegangen: Zwei unterschiedliche Arten der Zeitwahrnehmung werden vergleichend gegenübergestellt. Wir kennen die Zeit aus unserem Leben, aus unserem Alltag, dort gestaltet sie sich als etwas abstraktes und mathematisches: Wir können sie mit den Zeigern unserer Uhr messen. Demgegenüber gibt es andere Konzepte der Zeitwahrnehmung, wie die des Philosophen Henri Bergson: Die Zeit als Dauer. Die Philosophie Bergsons kann als eine Antwort auf die sich im ausgehenden 19. Jahrhundert veränderte Daseinsweise in der entstehenden modernen Gesellschaft verstanden werden. Sein Gesamtwerk ist eine Art der Lebensphilosophie, welche eine optimistische Erklärung der Wirklichkeit bietet: einen Ausbruch aus der mechanischen, utilitaristischen und rationalistischen Moderne. Obgleich weder seiner Philosophie noch seiner Person an sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts größere Bedeutung beigemessen wurde, ist die Wirkung, die er auf seine Zeitgenossen auslöste, kaum zu unterschätzen. Der als Dichterphilosoph bekannte Nobelpreisträger löste eine Sogwirkung aus, die in der modernen Geisteswissenschaft lediglich mit der des Jean-Paul Sartre vergleichbar ist. Sein poetischer Stil erschafft wirkmächtige Bilder, die versuchen die Wirklichkeit abzubilden und anhand dieser eine Analyse der uns umgebenden Welt zu ermöglichen.

„Von einer ganzen Generation wird der Bergsonismus wie eine Befreiung aufgenommen: wie die Errettung des Menschen von der Fesslung und dem Zugriff der technischen wissenschaftlichen Rationalisierung des Lebens.“ (Deleuze: Bergson)
Diese von Gilles Deleuze beschriebene Anziehungskraft, die von Bergson zu Lebzeiten ausging, erscheint im Rückblick zunächst etwas Befremdliches an sich zu haben: Im gegenwärtigen philosophischen Diskurs sowie in der wissenschaftlichen und öffentlichen Wahrnehmung tritt die Philosophie Bergsons kaum in Erscheinung. Welche gesellschaftlichen Gegebenheiten führten zu der Popularität der Ideen Bergsons? Woher rührt diese befreiend wirkende Anziehungskraft? Eine Betrachtung der gesellschaftlichen Wirklichkeit des ausgehenden 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts soll diese Fragen erhellen. Wandel und Umbruch sind die Begleiter dieses geschichtlichen Zeitabschnittes: Das sich ausbreitende und zunehmend globaler werdende kapitalistische System, die damit einhergehenden ökonomischen Veränderungen, welche das gesellschaftliche und politische Leben umwälzen, die utilitaristische und empiristische Betrachtung der Wirklichkeit in den Naturwissenschaften sowie deren evolutionstheoretische Anschauungen. Allgemein: Eine immer technischer und unmenschlicher erscheinende Gesellschaft. Diese aufkommenden Ideen und Aspekte bedeuteten eine Umwälzung der bisher gegebenen gesellschaftlichen Wirklichkeit, welche ihren Ausdruck auch in den wissenschaftlichen Publikationen der Zeit findet. So ist 1859 nicht nur das Geburtsjahr Henri Bergsons, sondern veröffentlichte in diesem Jahr John Stuart Mill sein Werk Über die Freiheit, Karl Marx sein Werk Zur Kritik der politischen Ökonomie sowie Charles Robert Darwin sein Werk Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Insbesondere der sich verändernden Perspektive der europäischen Geisteswelt, die mit dem Werk Darwins in Erscheinung trat, widmet sich Bergson in seiner Philosophie und macht sich einen biologischen Ansatz in seiner Betrachtung der Wirklichkeit zueigen. Bergsons Philosophie ist ein Gegenpol zu den mechanischen, den utilitaristischen, den deterministischen und den rationalistischen Strömungen seiner Zeit. Seine Philosophie bietet im Gegensatz zu anderen zeitgenössischen Anschauungen einen positiven Ausblick auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten. In dieser Tendenz der optimistischen Betrachtung der Wirklichkeit schlummert wohl auch die Begründung des Niedergangs der Popularität Bergsons: Nach den Zerrüttungen, die mit den beiden Weltkriegen sowie aller ihrer Folgen einhergeht, erscheint für viele eine optimistische Betrachtung der Welt allenfalls euphemistisch.
Die Wirkung, die Bergson auf seine Zeitgenossen hatte, kann andeutungsweise aus dem nachfolgenden Zeitungsartikel abgelesen werden: Die New York Times widmet seiner Gastvorlesung an der Columbia University 1913 eine ausführliche Darstellung seiner Philosophie und kündigt seinen Vortrag als ein bedeutendes gesellschaftliches Ereignis an.
„No recent force in the world of thought has made so profound an impression as Henry Bergson, Professor of Philosophy at the Collége de France. His lectures here as visiting French professor at Columbia University […] will be of unusual importance […].“
II.
„Zeit ist wirklich“ (Kolakowski: Bergson)
Diese auf den ersten Blick unbedarft wirkende Aussage, mit welcher Leszek Kolakowski die Philosophie Bergsons in einem einzigen Satz zusammenzieht, enthält den Kern, der die bergsonische Anschauung der Zeit entfaltet. Welche Attribute sind dieser Idee der Zeit zu eigen, damit sie wirklich sein kann? Wenn die bergsonische Zeit wirklich ist, gibt es eine andere Zeit, die nicht wirklich ist?
„Das, was wir Zeit nennen, ist kein einfacher Begriff, sondern das Ergebnis einer Synthese zweier heterogener Elemente: der Dauer und des Raumes.“ (Bergson: Schöpferische Evolution)
Diese Synthese, diese Vermengung der Zeit mit dem Raum ist das, was wir alltäglich als Zeit wahrnehmen. Diese Wahrnehmung ist jedoch eine scheinhafte, denn es besteht ein Unterschied zwischen der Zeit und dem Raum. In der Unterscheidung dieser beiden Elemente schlummert die Idee der wirklichen Zeit. Sowohl in unserer alltäglichen Vorstellung von der Zeit als auch in der klassischen Physik und der Relativitätsphysik wird im eigentlichen Sinn nicht die Zeit dargestellt. Die Zeit wird dort wahrgenommen, als ob sie eine andere Art von Raum wäre:
„Eine Reihe von homogenen, nebeneinander angeordneten Abschnitten, die zusammen eine unbegrenzt lange Linie bilden.“ (Kolakowski: Bergson)
– in der Abfolge: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Diese Eigenschaften, die dem Raum zu eigen sind, werden somit irrtümlich auf die Zeit übertragen und als ein in sich geschlossenes System aufgefasst. Der Materie, dem Raum, ist die Tendenz zu eigen, isolierbare, geometrisch behandelbare Systeme zu bilden, jedoch denkt Bergson diese Abgeschlossenheit nicht als eine vollständige: Solche isolierten Systeme sind stets mit anderen verbunden und bilden zusammen ein Ganzes. Dieses reale Ganze stellt eine unteilbare Fortdauer dar, die in diesem abgegrenzten Systeme sind keine losgelösten Teile, sondern sind lediglich ausschnitthafte Bilder des Ganzen. Die Gesamtheit der Wirklichkeit wird von Bergson als atomare Fortdauer gedacht, in welcher die Materie zwar dazu neigt herausnehmbare Systeme herauszubilden, diese bleiben jedoch stets ein Bestandteil des Ganzen. Die wirkliche Zeit – die Dauer – ist weder gleichförmig noch teilbar, sie stellt eine Fortdauer dar. Die Dauer, die wirkliche Zeit, ist als eine unteilbare Fortdauer von Veränderung zu denken: Die Dauer ist somit die unteilbar wahrgenommene Zeit. Die menschliche Psyche ist auf der Grundlage von Nützlichkeiten strukturiert, um so die Reproduktion des Lebens zu erleichtern und zu ermöglichen. Der Verstand ist nicht an einer wahrhaften Wirklichkeit interessiert, sondern nur an ihrer etwaigen Nützlichkeit: Die Wirklichkeit wird entsprechend der menschlichen Bedürfnissen gefiltert. Dasjenige, das als momentan nicht nützlich erachtet wird, schafft es nicht durch den Filter und erreicht nicht unsere Wahrnehmung. Der utilitaristische menschliche Geist bedient sich einer Wahrnehmung der Zeit, mittels welcher eine Zergliederung der Wirklichkeit anhand von Nützlichkeiten erfolgen kann. Die abstrakte Zeit wird über die Wirklichkeit gestülpt, wohingegen die wirkliche Zeit eine erfahrbare ist und somit in uns selbst verborgen liegt:
„Wir kennen sie intuitiv, aus direkter Erfahrung.“ (Kolakowski: Bergson)
Die Dauer ist also als eine psychologische Erfahrung zu denken. Die Dauer ist jedoch mehr als nur gelebte Erfahrung, sie ist die Bedingung, die Grundlage, von Erfahrung. Die Dauer ist ein innerliches Nacheinander ohne Äußerlichkeit, wohingegen der Raum eine Äußerlichkeit ohne Nacheinander ist. Die Vermengung von Raum und Zeit, die Angleichung der Zeit an den Raum, lässt den Schein der Vorherbestimmtheit aufblitzen: Alles erscheint, als sei es gegeben, als sei es vorherbestimmt. Dieser Schein ist unvermeidlich, sobald die Zeit verräumlicht wird. Bergson lehnt die Vorstellung eines Determinismus ab, in welchem jedes Ergebnis lediglich die bereits fertige Wirklichkeit entfaltet. Das Leben wird nicht nur als eine Gesamtheit gedacht, sondern ebenso als ein schöpferischer Prozess, in welchem jeder Augenblick etwas Neues erschafft. Zukunft, in einem vorbestimmten Sinn gedacht, existiert nicht. Jegliche Empfindung, jegliche Vorstellung und jeglicher Geistesakt befindet sich in ständigem Wandel: Die Philosophie Bergsons betrachtet sowohl das Ganze als auch das menschliche Bewusstsein als etwas, das sich in einer stetigen Veränderung befindet.
„In Wahrheit […] verändern wir uns ohne Unterlaß, und schon der Zustand selbst ist Veränderung.“ (Bergson: Philosophie der Dauer)
Die wirkliche Zeit hat ebenso diesen Fluss der Dinge, diese Bewegung in sich. Das Gedächtnis schiebt stetig etwas von der Vergangenheit in die Gegenwart. In der Dauer trägt somit jeder Augenblick die Vergangenheit mit sich und sammelt sie an: Lediglich die Materie der Vergangenheit vergeht, jedoch nicht die Erinnerung an sie. In Differenz zu der Bewegung der wirklichen Zeit, aufgrund welcher die Gegenwart stets Seiten der Vergangenheit in sich trägt, erfolgt in der abstrakten Zeit der Physik keine solche Übertragung. In ihr sind verschiedene Zeitabschnitte in einer Reihenfolgen nebeneinander gereiht. Die abstrakte, homogene und unendlich teilbare Zeit ist eine symbolische Repräsentation der Dauer, die die wahre Zeit ist, sie ist jedoch nicht die Dauer selbst, denn diese hat keine einander äußerlichen Teile. In ihrer Form als Symbol, welches die Dauer repräsentiert, verschleiert sich die abstrakte Zeit in einem Schein und erscheint uns, als wäre sie die Zeit an sich. Beginnt man dieses Nebelgewölk zu durchdringen, so wird ersichtlich:
„Die Zeit der Physik ist nicht wirklich.“ (Kolakowski: Bergson)
– Sie ist lediglich ein Hilfsmittel, mittels welchem unser Kopf nicht stetig durch eine Flut an Informationen überlastet wird und wir ein Mittel haben, mit dem wir die Wirklichkeit objektiv untersuchen können.

III.
Die wirkliche Zeit erscheint als eine Bewegung, die sich stetig selbst verändert und in sich Teile der Vergangenheit transportiert. Dieser Fluss der Dauer wird vom Gedächtnis zum Fließen gebracht. Der Dauer sind zwei Momente eigen, die sie von der abstrakten Zeit unterscheiden: In der Erinnerung wird der vergangene Augenblick in den gegenwärtigen übertragen und beide lösen sich ineinander auf, da der eine noch nicht gänzlich verschwunden ist, wenn der andere beginnt. Das Bewusstsein in Gestalt des Gedächtnisses ist somit dasjenige, was die wirkliche Zeit überhaupt erst ermöglicht. Ohne unser Bewusstsein wäre lediglich der Raum und die Gleichzeitigkeit gegeben. Die Philosophie Bergsons verneint nicht ein Nacheinander in der Zeit an sich, sondern weist die Idee ab, dass dieses Nacheinander sich dem Bewusstsein als ein nacheinander gereihtes „Vorher“ und „Nachher“ darbietet. Eine wirkliche zeitliche Abfolge ist lediglich im Geist existent und wird von diesem auf die Materie übertragen. In der wirklichen Zeit, im Leben des Bewusstseins, herrscht vollkommene Kontinuität: In jedem Augenblick ist unser Ich im Werden begriffen, in dem es seine Vergangenheit reflektiert und seine Zukunft schafft. In diesem Sinne besteht ein Nacheinander in der Zeit, allerdings ist dieses stetig fließender Fluss. Diese Betrachtung der Zeit steht im Gegensatz zu der abstrakten Zeit, welche als die gewöhnliche Zeitwahrnehmung wahrgenommen wird. Unsere Wahrnehmung ist für gewöhnlich von der abstrakten Zeit geprägt, wodurch unser Geist Ereignisse in eine Abfolge von „Vorher“ und „Nachher“ stellt. Unsere gewohnten Denkmuster gehen immer von etwas Gegenwärtigem aus: Die Gegenwart erscheint erst dann als vergangen, wenn eine neue Gegenwart sie abgelöst hat. Die Vergangenheit erscheint uns, als läge sie zwischen der gewesenen Gegenwart und dem Jetzt eingeklemmt. Diese Betrachtung ist jedoch von einem doppelten Schein verhüllt: Zum einen wird davon ausgegangen, dass sich das Vergangene erst konstituiert, nachdem es gegenwärtig war, und zum anderen wird angenommen, dass es von der neuen Gegenwart nachgebildet wird, deren Vergangenheit es inzwischen ist. In Abgrenzung zu der Wahrnehmung, die mit der abstrakten Zeit einhergeht, stehen Vergangenheit und Gegenwart in der Dauer nicht nur in einem anderen Verhältnis zueinander, sondern eröffnen ebenso eine gänzlich andere Anschauung der Wirklichkeit. Das Vergangene ist kein bloßer Augenblick, der sich bereits ereignet hat und hinter uns liegt: Die Vergangenheit hat sich bereits zu dem Zeitpunkt, als sie gegenwärtig war, herausgebildet.
„Die Vergangenheit ist eine Zeitgenössin der Gegenwart, die gewesen ist.“ (Deleuze: Bergson)
Somit bezeichnet die Vergangenheit und die Gegenwart keine aufeinanderfolgenden Momente, sondern zwei nebeneinanderliegende Sphären. Die erfahrbare, wirkliche Zeit, die wir die Dauer nennen, stellt eine Wahrnehmung dar, die sich aus dem Bewusstsein heraus bildet und mittels des Gedächtnisses in Erscheinung tritt. Ein Wesen mit Bewusstsein und Gedächtnis, ist dasjenige, das im Fluss der Dauer lebt und für ein solches ereignet sich die gleiche Situation nie mehr als einmal:
„Da die wirkliche Zeit absolut irreversibel ist, kann weder die gleiche Ursache noch die gleiche Wirkung jemals in der Erfahrung erscheinen.“ (Kolakowski: Bergson)
Die Dauer eröffnet sich uns somit als ein Fließen, in welchem das Vergangene im Strom mit in das Gegenwärtige weitergetragen wird, ohne dass eine Umkehrung der Flussrichtung möglich ist. In diesem Fluss bedient sich das Bewusstsein der Vergangenheit, um die Gegenwart zu verstehen und die Zukunft vorauszunehmen. Das Wachrufen einer Erinnerung durch die Wahrnehmung ist eine Spiegelung, die unsere gegenwärtige Situation beeinflusst. Die konkrete und wirklich vom Bewusstsein erlebte Gegenwart besteht aus der unmittelbaren Vergangenheit:
„Wir nehmen praktisch nur die Vergangenheit wahr, denn die reine Gegenwart ist das unbegreifbare Fortschreiten der Vergangenheit, die an der Zukunft nagt.” (Bergson: Philosophie der Dauer)
Die Dauer eröffnet uns einen anderen Blick auf die Wirklichkeit, als derjenige, den wir durch die abstrakte Zeit erhalten. Dem Bewusstsein ist die Dauer zu eigen, durch welche sich seine Wirklichkeit herausbildet. Das Verhältnis zwischen der Dauer und der Materie ist ein gänzlich anderes. Die Dinge, die Materie an sich, haben selbst keine Dauer, lediglich durch ihre Teilhabe an der Wirklichkeit als Ganzes kommt ihnen indirekt über unser Bewusstsein Dauer zu. Die wirkliche Zeit existiert also lediglich im bewussten Leben und wird ausgehend von diesem auf die Materie übertragen: Die Materie an sich hat keine Vergangenheit und keine Zukunft, erst durch das Bewusstsein, durch das Gedächtnis, ist Zeit wirklich. Die Bewegung, dieser Fluss, der die Dauer ist, stellt den wirklichen Stoff dar, aus dem die Welt gemacht ist. Das aus unterschiedlichen materiellen Gegenständen bestehende Bild des Universums ist lediglich ein künstliches Produkt des Geistes.
IV.
„Es ist schwierig, es ist fast unmöglich, von psychischen Vorgängen anders als in Gleichnissen zu sprechen, welche der vertrauten Welt materieller Gegenstände entnommen sind.“ (Huxley: Die Pforten der Wahrnehmung)
Diese Schwierigkeit, die Aldous Huxley zum Ausdruck bringt, ist ein stetiger Begleiter in der Auseinandersetzung mit Bergsons Konzeption der Dauer sowie allgemein bei der Betrachtung der Zeit. Die von ihm dargestellte Trennung der Zeit von dem Raum gestaltet sich als eine Operation, die nicht nur gewohnte Denkmuster durchbricht, sondern eine Wahrnehmung der Wirklichkeit entfaltet, deren Vorstellung schwer zu fassen ist. Dem sich anhand von Nützlichkeit orientierenden menschlichen Geist scheint eine abstrakte verräumlichte Zeit zugänglicher zu sein als der Dauer, die im Gegensatz zu der von uns täglich wahrgenommenen Wirklichkeit zu stehen scheint. Bergson denkt die Dauer, die den wesentlichen Aspekt seiner Metaphysik ausmacht als etwas, das sich anders als die Naturwissenschaften nicht im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Reproduktion des Lebens entwickelt hat, sondern als etwas, das von allen Zwecksetzungen frei ist: ein unbedingter Akt der Intuition, der unmittelbar die Wahrheit darstellt. In dieser absoluten Eigenschaft der Dauer blitzt der Mangel auf, den diese in sich birgt: Als eine Idee, die sich nicht mit unserer alltäglichen Wahrnehmung deckt und gleichsam nicht aus der gesellschaftlichen Reproduktion des Lebens erwachsen ist, verbleibt sie als ein Abstraktum. Jedoch liegt in diesem Mangel ebenso ein Fülle. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit, die die Dauer eröffnet, trägt eine Anschauung der Welt in sich, die sich uns losgelöst von den Dingen, von der Materie und von der abstrakten Zeit eröffnet. Von der Last der utilitaristisch, rationalistisch und mechanisch anmutenden Moderne befreit, ermächtigt die Idee der Dauer den Menschen zu einer absoluten Selbstreflexion und bietet ihm eine positivistische Anschauung der Wirklichkeit.
Quellen und weiterführende Literatur
Bergson, Henri: Philosophie der Dauer. Textauswahl von Gilles Deleuze, Hamburg 2013.
Bergson, Henri: Schöpferische Evolution, Hamburg 2013.
Deleuze, Gilles: Bergson zur Einführung, Hamburg 1989.
Horkheimer, Max: Zu Bergsons Metaphysik der Zeit, in: Zeitschrift für Sozialforschung, hg. von Max Horkheimer (Jahrgang 3), München 1980, S. 321-342.
Huxley, Aldous: Die Pforten der Wahrnehmung. Himmel und Hölle, Erfahrungen mit Drogen, München 1970.
Kolakowski, Leszek: Henri Bergson. Ein Dichterphilosoph, München 1985.
Levine, Louis: The Philosophy of Henri Bergson and Syndicalism, in: New York Times (Archives), URL: [https://timesmachine.nytimes.com/timesmachine/1913/01/26/100250821.pdf]
Nestle, Wilhelm: Die Vorsokratiker in Auswahl, Jena 1922.
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